Aufsatz von Christine H. Bauer

An ande­rer Stel­le haben wir auf die­se Refe­renz hin­ge­wie­sen:  Es han­delt sich um einen Auf­satz von Chris­ti­ne H. Bau­er, der auf den Sei­ten des Lan­des­amts für Denk­mal­pfle­ge Hes­sen ver­öf­fent­licht war.  Mitt­ler­wei­le (August 2017) ist die­ser Text nicht mehr auf­find­bar.  Es steht zu ver­mu­ten, dass er einer Über­ar­bei­tung des Web­auf­tritts des Lan­des­amts zum Opfer fiel.  Damit er nicht gänz­lich ver­lo­ren geht, ver­öf­fent­li­chen wir ihn hier aus­zugs­wei­se zu doku­men­ta­ri­schen Zwe­cken im Rah­men unse­rer For­schun­gen, aller­dings nur inso­weit Wett­bret­ter the­ma­ti­siert wer­den.

Fachwerkbau und Wandverkleidung

Maßnahmen der kurhessischen Baubehörde im 19. Jahrhundert (1816–1866)

von Chris­ti­ne H. Bau­er

Die Ver­klei­dung von Fach­werk­bau­ten mit Schin­deln, Schie­fer oder Zie­geln prägt in eini­gen Regio­nen Deutsch­lands wesent­lich das Erschei­nungs­bild der Dör­fer und Klein­städ­te1. Vor allem in den Mit­tel­ge­birgs­re­gio­nen, wie im Harz, Wes­ter­wald, Vogels­berg, Ber­gi­schen Land oder in der Rhön, sind infol­ge rau­he­rer Wit­te­rungs­ver­hält­nis­se mit erhöh­ten Nie­der­schlags­men­gen und nied­ri­ge­ren Jah­res­durch­schnitts­tem­pe­ra­tu­ren zusätz­li­che Außen­wand­ver­klei­dun­gen von Fach­werk­bau­ten zu beob­ach­ten.2  Sie dien­ten dazu, das Holz­werk ins­be­son­de­re an den der Wit­te­rung aus­ge­setz­ten Haus­sei­ten vor Schlag­re­gen zu schüt­zen und den auf­tre­ten­den Wär­me­ver­lust zu redu­zie­ren.

Zusätz­li­che Wand­ver­klei­dun­gen an den Wet­ter­sei­ten von Fach­werk­bau­ten konn­ten bereits für das 16. Jahr­hun­dert nach­ge­wie­sen wer­den.3  Trotz die­ser rela­tiv frü­hen Bele­ge für ein Ver­klei­den von Fach­werk­bau­ten muß jedoch kon­sta­tiert wer­den, daß eine wei­te Ver­brei­tung der Wand­ver­klei­dung erst im 19. Jahr­hun­dert statt­fand. Vie­le Haus­be­sit­zer gin­gen in die­ser Zeit dazu über, ihre Häu­ser teil­wei­se oder voll­flä­chig mit Holz­schin­deln, Schie­fer oder Zie­geln zu ver­klei­den, wobei das jeweils in der Regi­on vor­herr­schen­de Mate­ri­al bevor­zugt wur­de.

Dar­über hin­aus spiel­te seit dem spä­ten 18. Jahr­hun­dert die Ver­klei­dung von Fach­werk­bau­ten in Form von Putz eine zuneh­men­de Rol­le. Viel­fach woll­te man durch spe­zi­el­le Putz­tech­ni­ken und -gestal­tun­gen einen kost­ba­ren Mas­siv­bau vor­täu­schen.4  Zugleich wird in der ein­schlä­gi­gen Lite­ra­tur immer wie­der betont, daß die obrig­keit­li­chen Behör­den aus feu­er­po­li­zei­li­chen Grün­den eine sol­che Vor­ge­hens­wei­se vor­ge­schrie­ben hät­ten.5

Mit »Wett­bret­tern« ver­klei­de­tes Fach­werk­haus in Dorf­born (Land­kreis Ful­da).

In Kur­hes­sen nahm sich die für Bau­f­ra­gen zustän­di­ge Ober­bau­di­rek­ti­on zu Beginn des 19. Jahr­hun­derts die­ses The­mas an. Im Zuge der im Zeit­al­ter der Auf­klä­rung und des Phy­sio­kra­tis­mus auf­kom­men­den Bestre­bun­gen, die bür­ger­li­chen und bäu­er­li­chen Bau­wei­sen zweck­mä­ßi­ger und dau­er­haf­ter zu machen, wid­me­te man sich auch der Fra­ge der Außen­wand­ver­klei­dung von Fach­werk­bau­ten. Aus Akten des Staats­ar­chivs Mar­burg geht her­vor, daß sich die Ober­bau­di­rek­ti­on ins­be­son­de­re mit der Fra­ge der zuneh­men­den Ver­schin­de­lung aus­ein­an­der­setz­te und das Ver­put­zen von Fach­werk­bau­ten als wirk­sa­men Wit­te­rungs­schutz dis­ku­tier­te.6 

1. Maß­nah­men gegen Fach­werk­ver­scha­lun­gen mit Holz

Zu Beginn des 19. Jahr­hun­derts regis­trier­te die kur­hes­si­sche Ober­bau­di­rek­ti­on eine zuneh­men­de Ver­schin­de­lung von Fach­werk­bau­ten im Herr­schafts­ge­biet. Einem inter­nen Bericht der Bau­be­hör­de aus dem Jah­re 1822 ist zu ent­neh­men, daß dies mit Miß­fal­len beob­ach­tet wur­de. Man stuf­te die Wand­ver­klei­dung mit Holz­schin­deln bei Fach­werk­bau­ten in mehr­fa­cher Hin­sicht als nach­tei­lig ein. Ins­be­son­de­re vier Argu­men­te spra­chen gegen eine Ver­wen­dung von Holz­schin­deln:

  1. kri­ti­sier­te man die Feu­er­ge­fähr­lich­keit von Holz­schin­deln,
  2. befand man sie als zu kost­spie­lig und
  3. als zu holz­ver­schwen­de­risch; schließ­lich schrieb man ihnen
  4. eine nur ver­hält­nis­mä­ßig kur­ze Lebens­dau­er zu.

Die Feu­er­ge­fähr­lich­keit einer Holz­ver­klei­dung lag auf­grund ihrer leich­ten Ent­flamm­bar­keit nahe. Wei­ter­hin wur­de von der Ober­bau­di­rek­ti­on aus­ge­führt, daß eine Bret­ter­ver­klei­dung von Tan­nen­holz meist drei­mal mehr als bei­spiels­wei­se ein Ver­put­zen des jewei­li­gen Hau­ses kos­te. Zudem tra­ge die Ver­ar­bei­tung von Tan­nen- oder Eichen­holz zu einer ver­mehr­ten Holz­ver­schwen­dung bei, die man gera­de ein­zu­däm­men such­te. Auch wies man dar­auf hin, daß die Ver­scha­lun­gen schon nach eini­gen Jah­ren Ris­se bekä­men, wodurch Regen und Schnee ein­drin­gen könn­ten. Dies sei umso nach­tei­li­ger, da die Feuch­tig­keit nicht zu ver­duns­ten ver­mö­ge. Wür­de jedoch die Ver­scha­lung zur Ver­hü­tung die­ses Nach­teils nicht fest auf die Wand, son­dern nur auf star­ke hori­zon­ta­le Lat­ten gena­gelt, so daß dazwi­schen Luft zir­ku­lie­ren kön­ne, wür­de ein Schlupf­win­kel für Rat­ten und Mäu­se gebil­det. Dar­über hin­aus bemän­gel­te man, daß die Bret­ter­ver­scha­lun­gen den Häu­sern ein schlech­tes Aus­se­hen gäben und die Gebäu­de optisch zu »Hüt­ten« degra­diert wür­den. Des­halb emp­fahl man, die Ver­scha­lung der Gebäu­de mit Holz­schin­deln zu ver­bie­ten.

Die Ober­bau­di­rek­ti­on konn­te jedoch kein gene­rel­les Ver­bot der Holz­ver­scha­lung von länd­li­chen Wohn- und Wirt­schafts­bau­ten durch­set­zen, da das Innen­mi­nis­te­ri­um von einer gesetz­li­chen Maß­re­ge­lung absah. Den­noch wand­ten sich in der Fol­ge­zeit Unter­ta­nen an die Behör­den, um eine Erlaub­nis zur Ver­schin­de­lung ihrer Häu­ser zu erwir­ken. Dies ist mög­li­cher­wei­se auf einen Über­mitt­lungs­feh­ler zwi­schen obers­ter Bau­be­hör­de und den Kreis­bau­be­am­ten, die für das ört­li­che Bau­ge­sche­hen zustän­dig waren, zurück­zu­füh­ren.

So wand­te sich im Jah­re 1841 zum Bei­spiel der Gast­wirt Cor­ne­li­us aus (Kas­sel-) Wald­au an die Ober­bau­di­rek­ti­on mit der Bit­te, sein Wohn­haus teil­wei­se ver­schin­deln zu dür­fen. Er führ­te dazu aus: «Mein Wohn­haus an der Nürn­ber­ger Stra­ße zu Wald­au, wel­ches frei steht, ist an der hin­de­ren Faca­de und an einer Gie­bel­sei­te sehr dem Sturm­wind aus­ge­setzt, so daß ich durch die Beschä­di­gung an den Fach­wän­den fort­wäh­rend zu kost­spie­li­gen Repa­ra­tu­ren ver­an­laßt wer­de und dabei danach gegen Regen und Sturm­wind in den inne­ren Wohn­räu­men durch­aus nicht geschützt bin, viel­mehr bedeu­tend beun­ru­higt wer­de, indem ich beson­ders für das Wohl und die Gesund­heit mei­ner Fami­lie Sor­ge tra­gen muß.«

Im Jah­re 1845 ging ein ähn­li­ches Gesuch bei den Behör­den ein. Wie­der­um war es ein Gast­wirt, der um die Erlaub­nis zur Ver­schin­de­lung sei­nes Wohn­hau­ses und eines Anbaus in der »Leip­zi­ger Vor­stadt« von Kas­sel nach­such­te. Das Innen­mi­nis­te­ri­um for­der­te dar­auf­hin die Ober­bau­di­rek­ti­on auf, in die­ser Ange­le­gen­heit noch­mals Stel­lung zu bezie­hen.

Die Bau­be­hör­de wies aber­mals dar­auf hin, daß sie die Ver­klei­dung der Wet­ter­sei­ten und Gie­bel der Fach­werk­häu­ser als feu­er­ge­fähr­lich, kost­spie­lig, holz­ver­schwen­de­risch und wenig dau­er­haft ansah. Im Gegen­satz zu ihrem ers­ten Gut­ach­ten nann­te sie jedoch Aus­nah­me­fäl­le, in denen eine Ver­schin­de­lung zuläs­sig sei: Eine Holz­ver­klei­dung ließ sie nun zum Bei­spiel bei iso­liert gele­ge­nen Häu­sern zu, da hier ein mög­li­ches Feu­er nicht so schnell auf Nach­bar­häu­ser über­grei­fen konn­te. Auch mach­te sie dar­auf auf­merk­sam, daß in Wald­dör­fern, wo die Bewoh­ner die Schin­deln selbst fer­ti­gen könn­ten und wo Holz hin­läng­lich und zu gerin­gen Prei­sen vor­han­den war, die Holz­ver­klei­dung durch­aus hin­zu­neh­men sei, da hier das Argu­ment der Kost­spie­lig­keit ent­fie­le. Eine wei­te­re Aus­nah­me wur­de gestat­tet, wenn das Holz des Fach­werks bereits stark ange­grif­fen war, so daß etwa eine Betün­chung (s.u.) nicht mehr haf­ten wür­de.

Ver­schin­del­tes Fach­werk­haus in Gacken­hof-Neu­wart, Rhön (Land­kreis Ful­da).

Im Fal­le des eben erwähn­ten Kas­se­ler Gast­wir­tes wies man jedoch dar­auf hin, daß es sich hier­bei um ein neu­es Fach­werk­ge­bäu­de mit einer Aus­fa­chung aus gebrann­ten Lehm­stei­nen han­del­te, das eben­so­gut ver­putzt wer­den könn­te, um einen Wit­te­rungs­schutz zu errei­chen. Auch ließ man sei­ne Begrün­dung nicht gel­ten, daß in der Leip­zi­ger Vor­stadt von Kas­sel fast alle Häu­ser mit Brett­schin­deln »behängt« sei­en.

Trotz des mas­si­ven Ein­spruchs der Ober­bau­di­rek­ti­on bezüg­lich der Wand­ver­klei­dung mit Brett­schin­deln faß­te das Innen­mi­nis­te­ri­um am 25. August 1845 fol­gen­den Beschluß: »Da ein Ver­bot gegen die Beklei­dung der Wet­ter­sei­ten und Gie­bel an den äuße­ren Fach­werk­wän­den der Häu­ser mit Schin­deln nicht besteht, so hat die Resi­denz-Poli­zei-Direk­ti­on dem Nach­su­chen­den zu beschei­ni­gen, daß es für ihn einer des­hal­bi­gen Erlaub­nis nicht bedür­fe«. Die Ober­bau­di­rek­ti­on wur­de davon in Kennt­nis gesetzt.


Anmer­kun­gen

1 Einen Über­blick über die Geschich­te der Wand­ver­klei­dun­gen geben die beim Deut­schen Zen­trum für Hand­werk und Denk­mal­pfle­ge, Ful­da e.V., erschei­nen­den Arbeits­blät­ter zu die­sem The­ma. Vgl. Bau­er, Chris­ti­ne H., Fach­werk­bau und Wand­ver­klei­dung. Ein Über­blick über die his­to­ri­schen Wand­ver­klei­dungs­ar­ten im deutsch­spra­chi­gen Gebiet. (Erscheint vor­aus­sicht­lich im Früh­jahr 1997.)

2 Vgl. dazu: Ellen­berg, Heinz, Bau­ern­haus und Land­schaft in öko­lo­gi­scher und his­to­ri­scher Sicht, Stutt­gart 1990, S. 103 ff.

3 Vgl. Griep, Hans-Gün­ther, Das Bür­ger­haus der Ober­har­zer Berg­städ­te, Tübin­gen 1975, S. 162.

4 Johan­nes Cra­mer konn­te nach­wei­sen, daß schon seit dem 15. Jahr­hun­dert Fach­werk­bau­ten zum Teil in auf­wen­di­ger Manier ver­putzt wur­den, um einen Mas­siv­bau vor­zu­täu­schen. Vgl. Cra­mer, Johan­nes, Mas­si­ver Schein. Zur Behand­lung ver­putz­ter Fach­werk­bau­ten, in: Deut­sche Kunst und Denk­mal­pfle­ge, 43. Jg., Heft 1, S. 44–52. Ders., Far­big­keit im Fach­werk­bau, Mün­chen 1990; sie­he hier bes. Kap. VII: Ver­putz­te Fach­werk­häu­ser, S. 146–155.

5 Vgl. hier­zu Hus­sen­dör­fer, R., Putz­fas­sa­de con­tra Sicht­fach­werk. Zur Frei­le­gung über­putz­ter Fach­wer­ke aus heu­ti­ger Sicht, in: Denk­mal­pfle­ge in Baden-Würt­tem­berg, 1982, Heft 2, S. 116–122; Wei­mer, Josef, Putz und Farb­ge­bung, in: 5. Tag der hes­si­schen Denk­mal­pfle­ge, Kas­sel 1980, S. 63. Zu den dies­be­züg­li­chen Ver­ord­nun­gen in der frei­en Stadt Frank­furt vgl. Hils, Eve­lyn, Johann Fried­rich Chris­ti­an Hess. Stadt­bau­meis­ter des Klas­si­zis­mus in Frank­furt am Main von 1816 bis 1845, Frank­furt 1988, S. 34. Auch für die Städ­te in Kur­hes­sen wird die­ser Umstand des Ver­put­zens aus Feu­er­schutz­grün­den immer wie­der betont. Bei­spiel­haft sei hier Homberg/Efze ange­führt. Vgl. Alt-Hom­berg. Ein Stadt­spa­zier­gang in alten Bil­dern, hrsg. vom Kura­to­ri­um Hom­ber­ger Hei­mat­mu­se­um e.V., Gudens­berg-Glei­chen 1988, S. 50.

6 Sie­he: StAM (Staats­ar­chiv Mar­burg) Bestand 53 a (Ober­bau­di­rek­ti­on), Nr. 984 Das Abput­zen der Gebäu­de, sowie das Ver­scha­len der Gie­bel­wän­de mit Boh­len und die Bede­ckung der Dächer mit Stein­plat­ten. Auch die Umwand­lung der Stroh­dä­cher in Zie­gel­dä­cher betr., 1822, 1825–1849.