Fachwerkhaus: Dämmung ist das Todesurteil

Däm­mung ist das Todes­ur­teil für Fach­werk­häu­ser“, so schrieb die Publi­zis­tin Cora Schnei­der 2012  auf der Web­sei­te von welt.de.  Krass, oder?  Aller­dings:  So wenig, wie Sprin­ger als ein indus­trie­feind­li­cher Ver­lag bekannt ist, so wenig ist Frau Schnei­der eine aus­ge­wie­se­ne Exper­tin für Alt­bau­ten und Däm­mung.  Könn­te es nicht sein, dass sie als Nicht-Fach­frau trotz­dem Recht hat?

Dämmung ist das Todesurteil von FachwerkhäusernEs gibt genü­gend Fäl­le, in denen unsach­ge­mäs­se Däm­mung von Fach­werk­bau­ten zu schwe­ren Bau­schä­den geführt hat.  Neben fach­li­chen Män­geln in der Aus­füh­rung sind aber oft auch unge­eig­ne­te Mate­ria­li­en der Grund für sol­che Schä­den.  Poly­sty­rol — öfter auch ein­fach als Sty­ro­por bezeich­net — hat auf­grund sei­ner Eigen­schaf­ten nichts im Fach­werk­bau zu suchen:  Es schä­digt die Holz­kon­struk­ti­on.

Gut gemachte Dämmung

Es gibt aber ande­rer­seits auch gut gemach­te Däm­mung in Fach­werk­bau­ten.  Hier­bei wird der Schwer­punkt auf his­to­ri­sche und ver­träg­li­che Bau­stof­fe gelegt. Lehm, Schilf­rohr und Holz­weich­fa­sern sind gute Bei­spie­le hier­für.

Des­halb hat Frau Ste­phan mit ihrer Aus­sa­ge nicht Recht, dass Däm­mung das Todes­ur­teil für ein Fach­werk­haus bedeu­tet.  Gut gemach­te Däm­mung kann funk­tio­nie­ren.  Ob sie sich auch lohnt, steht auf einem ande­ren Blatt — zu dem wir noch kom­men wer­den.

Die Lobbyisten lauern schon!

Trotz­dem ist Frau Ste­phans Arti­kel lesens­wert, denn er steht im Gegen­satz zu den bei uns in der Gemein­de und gesam­ten hes­si­schen Bun­des­land immer wie­der ver­öf­fent­lich­ten Mei­nun­gen der „Hes­si­schen Ener­gie­spar­ak­ti­on“ — und die­se Dar­stel­lun­gen der HESA, wie sie abge­kürzt wird, kön­nen eine gro­be Gegen­po­si­ti­on wie die von Cora Ste­phan gebrau­chen, denn all­zu sen­si­bel ging die HESA mit dem The­ma Däm­mung in den letz­ten Jah­ren nicht um.

Was steckt dahinter?

Wer ist die HESA eigent­lich?  Sie bezeich­net sich selbst als „Koope­ra­ti­on“, was immer das bedeu­ten mag.  Ver­schie­de­ne Orga­ni­sa­tio­nen und Indus­trie­un­ter­neh­men sind als Part­ner gelis­tet, öko­lo­gisch ange­hauch­te Part­ner sind Man­gel­wa­re (→zur Lis­te).  Die HESA hat sich in der Ver­gan­gen­heit immer wie­der dem Ver­dacht aus­ge­setzt, sehr indus­trie­nah zu sein, wenn man es vor­sich­tig fomu­lie­ren möch­te.  Mehr dazu wer­den wir noch ver­öf­fent­li­chen.

Hessische Energiesparaktion: Es geht um Wirtschaftsförderung

Hes­si­sche Ener­gie­spar­ak­ti­on: Es geht um Wirt­schafts­för­de­rung

Auf der Web­sei­te der Orga­ni­sa­ti­on bestä­tigt die HESA mitt­ler­wei­le selbst: „Die Hes­si­sche Ener­gie­spar-Akti­on ist ein moder­nes Instru­ment der Wirt­schafts­för­de­rung.“  Wenn man dies weiss, dann wird der Spruch an man­chem Gerüst um einst­mals stol­ze und schö­ne Fach­werk­häu­ser in unse­rer Regi­on in ein ande­res Licht gerückt:  „Däm­men lohnt sich“.  Die Fra­ge ist: für wen?

Versprechungen, für die niemand haftet

Die Ver­spre­chun­gen der Dämm­in­dus­trie sind gross:  Die Inves­ti­tio­nen der Eigen­tü­mer sol­len sich in weni­gen Jah­ren amor­ti­sie­ren, es lohnt sich also, dem Dämm­stoff­her­stel­ler und dem Bau­un­ter­neh­mer Geld zu geben, weil man das durch ver­rin­ger­te Heiz­kos­ten wie­der ein­spa­ren soll.

Aber fra­gen Sie doch mal nach einer ver­ständ­li­chen, schrift­li­chen Bestä­ti­gung der zu erwar­ten­den Erspar­nis­se.  Garan­tie­ren wird Ihnen das nie­mand.

Wenn Sie also viel lüf­ten, weil sich das Kli­ma in Ihrem nun­mehr viel­leicht luft­dich­ten Haus merk­lich ver­schlech­tert hat, dann wird sich auch Ihre Ein­spa­rung verr­rin­gern.  Wenn Sie irgend­wo Schim­mel ent­de­cken, weil die Feuch­te nicht mehr durch die dich­ten Wän­de kann, dann wer­den Sie zusätz­li­ches Geld auf­wen­den müs­sen, um die­sen Schim­mel in den Griff zu bekom­men.

Zudem wer­den Sie in den heu­ti­gen Berech­nun­gen kei­ne Zah­len dazu fin­den, was Sie in eini­gen Jahr­zehn­ten für die Ent­sor­gung der maro­de gewor­de­nen Dämm­ma­te­ria­li­en bezah­len müs­sen.  Altes, mit gif­ti­gen Flamm­schutz­mit­teln behan­del­tes Poly­sty­rol wird ab 1. Okto­ber 2016 als „gefähr­li­cher Abfall“ ein­ge­stuft — und das bedeu­tet nichts wei­ter, als dass der Stoff Son­der­müll ist.

Nicht nur, dass die Ent­sor­gungs­kos­ten dafür weit höher als bei nor­ma­lem Bau­schutt sind — Stand heu­te ist es auch sehr schwer, den Son­der­müll über­haupt los­zu­wer­den.  Ent­sor­ger wei­gern sich laut Medi­en­be­rich­ten, das Zeugs anzu­neh­men.  War­um weist die HESA eigent­lich nicht dar­auf hin?

Fehlende Information = falsche Information?


„Luft­dich­te Ver­pa­ckung erle­digt selbst jahr­hun­der­te­al­tes, eisen­har­tes Eichen­holz bin­nen weni­ger Jah­re. Die kann man dann, ganz ohne Vor­ar­beit durch Holz­wür­mer, mit dem Zei­ge­fin­ger durch­boh­ren.“ (Cora Ste­phan auf welt.de)
Nie­mand hat die Bau­her­ren, die mit Poly­sty­rol gedämmt haben, in den letz­ten Jahr­zehn­ten dar­über infor­miert oder infor­mie­ren kön­nen, wie hoch die tat­säch­li­chen Kos­ten für die Dämm­mass­nah­men sein wer­den.  Was bedeu­tet es für die ver­spro­che­ne Ein­spa­rung, wenn man plötz­lich dem schlech­ten Geld noch gutes hin­ter­her wer­fen muss, damit man das irgend­wann nicht mehr funk­ti­ons­fä­hi­ge Dämm­ma­te­ri­al über­haupt wie­der los wird?

Waren es nicht schlicht fal­sche, weil unter­dück­te Infor­ma­tio­nen, die die­sen bedau­erns­wer­ten Bau­her­ren zur Ver­fü­gung gestellt wur­den?  Und glau­ben Sie, dass Ihnen einer der Ver­käu­fer sei­ner Poly­sty­rol-Dämm­lö­sun­gen die Gefahr dar­stel­len wird, dass Ihr Fach­werk­haus unter der dich­ten Hül­le weg­gam­meln kann?

Cora Ste­phan hat — auch wenn sie als Lai­in bezeich­net wer­den muss — völ­lig Recht mit Ihrer Ein­schät­zung: „Luft­dich­te Ver­pa­ckung erle­digt selbst jahr­hun­der­te­al­tes, eisen­har­tes Eichen­holz bin­nen weni­ger Jah­re.  Die kann man dann, ganz ohne Vor­ar­beit durch Holz­wür­mer, mit dem Zei­ge­fin­ger durch­boh­ren.“

Haben Sie es bemerkt?  Frau Ste­phan schreibt: „luft­dich­te Ver­pa­ckung“.  Genau das ist es, was die che­mi­sche Dämm­stoff­in­dus­trie Ihnen letzt­lich für Ihr Fach­werk­haus ver­kau­fen will.  Der Erhalt des Hau­ses, ästhe­ti­sche Aspek­te, ein gesun­des Woh­nen in einem gesun­den Bau — all das inter­es­siert die­se Leu­te nicht.  Es geht ums Geld.  Genau­er:  Um Ihr Geld.  Besorgt ist man um die Indus­trie, nicht um Ihre Gesund­heit.

Und des­halb wird die Hes­si­sche Ener­gie­spar­ak­ti­on auch vom hes­si­schen Wirt­schaftsminis­te­ri­um geför­dert, nicht vom Umwelt- oder Gesund­heits­mi­nis­te­ri­um.  Der Nut­zen für die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger wird vom Minis­te­ri­um trotz­dem so beschrie­ben: „Im Mit­tel­punkt ste­hen die Infor­ma­tio­nen der Haus­ei­gen­tü­mer, … und ande­re ver­brau­cher­freund­li­che Aktio­nen.“ (Zitat von: →wirtschaft.hessen.de, gefun­den am 24.10.2016)

Nein, lie­be Wirt­schafts­po­li­ti­ker, es ist nicht zum Nut­zen der Haus­ei­gen­tü­mer, wenn deren Fach­werk­häu­ser auf­grund eurer Rat­schlä­ge ver­gam­meln.  Es ist nicht ver­brau­cher­freund­lich, mit Ein­spa­run­gen zu locken, wenn die tat­säch­li­chen Kos­ten nicht bekannt sind.

Und heute?

Natür­lich geht das Spiel trotz­dem mun­ter wei­ter:  Däm­mung wird wei­ter­hin mas­sen­haft ver­kauft, und ganz oben steht dabei Poly­sty­rol.  Schau­en Sie sich um in unse­ren Dör­fern, wie vie­le alte, schö­ne Fach­werk­fas­sa­den hin­ter gesichts­lo­sen Ein­heits­flä­chen ver­schwin­den.  Es hat sich nichts geän­dert.

Fal­len Sie also nicht her­ein auf die Lob­by der Dämm­stoff­in­di­us­trie, die in die­sem Fall Hes­si­sche Ener­gie­spar­ak­ti­on heisst.  Neh­men Sie bes­ser das Ange­bot der Inter­es­sen­ge­mein­schaft Bau­ern­haus wahr, die bun­des­weit in ihren Kon­takt­stel­len über den Nut­zen von Däm­mung sowie über öko­lo­gisch gute und vor allem alt­bau­ver­träg­li­che Metho­den berät.  Ehren­amt­lich, kos­ten­los und nicht als ver­deck­te Hand­lan­ger einer Indus­trie.

Frank Jer­mann