Die Referenz

Anmer­kung om August 2017

Das Lan­des­amt für Denk­mal­pfle­ge hat sei­ne Web­sei­ten über­ar­bei­tet.  Der Arti­kel von Chris­ti­ne H. Bau­er ist nicht mehr zu fin­den.  Wir haben die rele­van­ten Abschnit­te →hier doku­men­tiert.

Mehr­fach wur­den wir nun bereits auf das Stan­dard­werk zu Wett­bret­tern hin­ge­wie­sen — es ist also höchs­te Zeit, das hier ein­zu­füh­ren.  Es han­delt sich um einen Arti­kel von Chris­ti­ne H. Bau­er, der auf den Web­sei­ten des Lan­des­amts für Denk­mal­pfle­ge Hes­sen zu fin­den ist (genau­er: war →sie­he Kas­ten rechts).  Die Auto­rin hat meh­re­re Publi­ka­tio­nen zu Haus­bau und Bau­ver­ord­nun­gen ver­fasst und dürf­te eine Exper­tin sein.  Das ist Grund genug, sich mit ihren Aus­füh­run­gen zu befas­sen.

Bereits beim Kauf unse­rer ers­ten Wett­bret­ter im Jahr 2011 waren wir fün­dig gewor­den und hat­ten den Bau­ers Arti­kel inter­es­siert gele­sen.  Wei­te­re schrift­li­che Infor­ma­tio­nen zum The­ma (über die der weni­gen heu­ti­gen Her­stel­ler hin­aus) gab es jedoch auch damals nicht — jeden­falls nicht im Inter­net bei ober­fläch­li­cher Suche.

Spärliche Informationen für eine Entscheidung

Wettbrettwand in Völzberg: alt und neu

Alt und neu: Aus einer Zement­schin­del­wand wur­de eine Wett­brett­wand (2011/2012)

Was der Arti­kel von Frau Bau­er an Infor­ma­tio­nen zu einem kon­kre­ten Pro­jekt (häss­li­che Zement­schin­deln durch eine his­to­ri­sche, orts­ty­pi­sche Wand­ver­klei­dung erset­zen) bot, hielt sich aller­dings im Rah­men.  Die Kern­bot­schaft lau­tet:  „Sie [Wett­bret­ter] dien­ten dazu, das Holz­werk ins­be­son­de­re an den der Wit­te­rung aus­ge­setz­ten Haus­sei­ten vor Schlag­re­gen zu schüt­zen und den auf­tre­ten­den Wär­me­ver­lust zu redu­zie­ren.“¹

Dazu gibt es ein Foto eines mit Wett­bret­tern ver­klei­de­ten Hau­ses in Dorf­born bei Ful­da und den Hin­weis, dass sol­che Ver­klei­dun­gen durch­aus als his­to­risch ange­se­hen wer­den kön­nen: „Zusätz­li­che Wand­ver­klei­dun­gen an den Wet­ter­sei­ten von Fach­werk­bau­ten konn­ten bereits für das 16. Jahr­hun­dert nach­ge­wie­sen wer­den.  Trotz die­ser rela­tiv frü­hen Bele­ge für ein Ver­klei­den von Fach­werk­bau­ten muß jedoch kon­sta­tiert wer­den, daß eine wei­te Ver­brei­tung der Wand­ver­klei­dung erst im 19. Jahr­hun­dert statt­fand.“¹

Wettbretter werden mit Leinölfarbe gestrichen

Som­mer 2012: Wett­bret­ter wer­den mit Lein­öl gestri­chen

Tja, das muss­te damals rei­chen für unse­re Ent­schei­dung — abge­se­hen davon, dass uns das Lan­des­amt für Denk­mal­pfle­ge unse­ren Antrag für den Bau die­ser Wett­brett­wand geneh­mig­te.  Wir waren also nicht auf dem fal­schen Weg — wenn wir auch damals wenig bis nichts über Wett­brett­wän­de wuss­ten.

Annäherung an eine Definition

Nicht nur auf­grund der ansons­ten kaum sicht­ba­ren Beschäf­ti­gung mit Wett­bret­tern ist der Arti­kel von Chris­ti­ne H. Bau­er eine Art Refe­renz für das The­ma.  Die Auto­rin kann anhand ihrer im Inter­net zu fin­den­den Ver­öf­fent­li­chun­gen als eine aus­ge­wie­se­ne Exper­tin in Sachen his­to­ri­schen Haus­baus in der Regi­on Hes­sen gel­ten.

Das Wort „Wett­bret­ter“ taucht zwar in dem Bau­erschen Arti­kel nur zwei mal auf.  Trotz­dem bie­tet er uns einen ers­ten Ansatz einer Defi­ni­ti­on:  Bret­ter für Wet­ter­schutz und Wär­me­däm­mung.  Das bringt uns ein klei­nes Stück vor­an.

„Eigent­lich ist ein Wett­brett ein ein­fa­cher Gegen­stand:  Es ist ein kei­li­ges Brett, zir­ka 100 cm lang (±20 cm, es sind im Oden­wald aber auch kür­zere auf­ge­taucht) und hat Nut und Feder.  Es wird als äus­sere Gebäu­de­ver­klei­dung genutzt und dient als Schutz.“
(Zitat aus mei­nem ers­ten Ver­such einer Ein­ord­nung; →Link)

Ich selbst habe mich bis­her bei der Defi­ni­ti­on bis jetzt schwer getan.  Mein ers­ter Ansatz (sie­he Kas­ten) basiert ledig­lich auf den genau­er betrach­te­ten Fund­stel­len in einem recht klei­nen Gebiet mei­ner Wohn­re­gi­on (zwi­schen Wol­fer­born, Hosen­feld, Flie­den und Bracht­tal).  Er kann folg­lich kei­nen Anspruch auf Rich­tig­keit erhe­ben.

Vor allem mei­ne Fixie­rung auf Nut und Feder kann mög­li­cher­wei­se zu Recht ange­zwei­felt wer­den:  Es gibt mitt­ler­wei­le einen Hin­weis, dass im Oden­wald Wet­ter­schutz-Bret­ter ohne die­se Ver­bin­dungs­tech­nik üblich sind (mehr dazu dem­nächst).

Wettbrettwände in Steinau an der Strasse

Zwei Bei­pie­le für kur­ze Wett­bret­ter an Wohn­haus­fas­sa­den in Stein­au an der Stras­se. (Foto: Mau­el Schmitz)

Aber auch die von mir ange­nom­me­nen Län­gen­an­ga­ben sind weni­ge Wochen nach dem Pro­jekt­be­ginn nicht mehr halt­bar.  Sie beruh­ten auf der bis­he­ri­gen Erfah­rung und der — mitt­ler­wei­le über­hol­ten — Annah­me, dass die­se all­ge­mein­gül­tig sein könn­ten.  In Stein­au an der Stras­se wur­den mitt­ler­wei­le meh­re­re Wett­brett­wän­de mit deut­lich kür­ze­ren Brett­län­gen gefun­den und sind auch belegt (sie­he Foto).

Die Arbeits­the­se, dass Wett­brett­wän­de — im Gegen­satz zur Ver­wen­dung von aus­schliess­lich klein­tei­li­gen Schil­deln, was man eben­falls häu­fig in der Regi­on fin­det — rela­tiv schnell errich­tet wer­den soll­ten und man des­halb die vor­han­de­nen Län­gen auch aus­nutz­te, ist so nicht mehr halt­bar.  Mein ers­ter Ver­such einer Defi­ni­ti­on muss also ange­passt wer­den.

Was genau ist Schutz vor Schlagregen?

Bretterwand oder Wettbrettwand?

Ist die­ses locker anein­an­der­ge­reih­te Kon­strukt nun eine Bret­ter­wand oder eine Wett­brett­wand?

Aller­dings steht die Fra­ge schon im Raum und lässt sich nicht abwei­sen:  Was genau muss ein Wett­brett gegen Schlag­re­gen leis­ten?  Muss so ein Brett mit ande­ren zusam­men eine geschlos­se­ne Flä­che bil­den (also zumin­dest über­lap­pen), oder ist eine locke­re Bret­ter­wand mit sicht­ba­ren Rit­zen zwi­schen den Bret­tern auch ein Wet­ter­schutz?  Bei­spie­le wie das rechts abge­bil­de­te fin­det man immer wie­der an land­wirt­schaft­lich genutz­ten Gebäu­den.  Ist das eine Wett­brett­wand?

Nun, wenn wir dem Bau­erschen Ansatz (Schutz vor Schlag­re­gen) fol­gen, dann kann eine locker ver­bret­ter­te Wand, die dem Wind ein Durch­we­hen durch die Bret­ter gestat­tet, wohl nicht als Wett­brett­wand ange­se­hen wer­den.  Schlag­re­gen könn­te ohne Pro­ble­me das ja eigent­lich zu schüt­zen­de Fach­werk errei­chen und im Zwei­fel schä­di­gen.

vernachlässigte Wettbrettwand in Jossa

Eine ver­nach­läs­sig­te Wett­brett­wand (Bei­spiel: Jos­sa) bie­tet kei­nen hin­rei­chen­den Schutz gegen Schlag­re­gen.

Neh­men wir also Bau­ers Gedan­ken ernst — und es spricht viel dafür, das zu tun — dann sind an eine Wet­ter­schutz­wand weit­ge­hen­de­re Anfor­de­run­gen als ledig­lich irgend­wie neben­ein­an­der gena­gel­te Holz­stü­cke zu stel­len.  Eine durch­ge­hen­de Flä­che, die durch kon­struk­ti­ve Merk­ma­le einen Schutz gegen Schlag­re­gen bie­tet, erscheint als Min­dest­an­for­de­rung höchst sinn­voll.  Ob dazu Nut und Feder zwin­gend not­wen­dig sind, ist ein Unter­the­ma, zu dem Wei­te­res fol­gen wird.

Nebenthema Wärmeschutz

Neben dem Schutz vor Schlag­re­gen erwähnt Frau Bau­er auch eine Redu­zie­rung des auf­tre­ten­den Wär­me­ver­lusts durch Aus­sen­wand­ver­klei­dun­gen von Fach­werk­bau­ten.

Die­ser Aspekt ist aus mei­ner Sicht für eine all­ge­mei­ne Defi­ni­ti­on von Wett­brett­wän­den bereits des­halb zu ver­nach­läs­si­gen, weil die­se Wän­de häu­fig an land­wirt­schaft­li­chen Gebäu­den zu fin­den sind.  Hier ist ein Wär­me­schutz, also eine dem Wär­me­ver­lust des Gebäu­des ent­ge­gen­wir­ken­de bau­li­che Mass­nah­me, recht unwahr­schein­lich.  Der Schutz sol­cher Gebäu­de vor Schlag­re­gen dage­gen ist auch hier leicht nach­voll­zieh­bar.

Zwischenfazit

Für die Defi­ni­ti­on einer Wett­brett­wand eig­net sich die all­ge­mei­ne Beschrei­bung von Chris­ti­ne H. Bau­er also ganz gut — wenn wir den Wär­me­schutz aus­sen vor las­sen und uns auf den Schutz vor Schlag­re­gen beschrän­ken.  Wie genau die­ser Schutz aus­fal­len muss, um von einer Wett­brett­wand zu reden, ist heu­te unklar.  Müs­sen es Bret­ter sein, die mit Nut und Feder eine durch­gän­gi­ge, in sich sta­bi­le Flä­che bil­den?  Reicht es aus, wenn ledig­lich eine hori­zon­ta­le und ver­ti­ka­le Über­lap­pung der Bret­ter vor­han­den ist, so dass es kei­ne sicht­ba­ren Rit­zen gibt?

Reaktion auf neue Aspekte

Wir wer­den hof­fent­lich anhand wei­te­rer Fund­stel­len und Dis­kus­sio­nen einen bes­se­ren Über­blick bekom­men — und unser Bild der Wett­bret­ter wird sich dar­auf­hin wei­ter­ent­wi­ckeln.  Die inten­si­ve Beschäf­ti­gung mit dem hier im Mit­tel­punkt ste­hen­den Auf­satz von Frau Bau­er hat uns einen Schritt wei­ter gebracht.

Jede neue Erkennt­nis erfor­dert selbst­ver­ständ­lich eine Über­prü­fung unse­res Vor­ge­hens.  Aus die­sem Grund habe ich die Sei­te der Fund­mel­dun­gen aktua­li­siert:  Es wird nun abge­fragt, ob Nut und Feder vor­han­den sind.

Und was ist aus mei­nem „vor­läu­fi­gen“ Defi­ni­ti­ons­ver­such gewor­den?  Nun, lie­be Lese­rin­nen und Leser, hier wer­den Sie fün­dig: Fak­ten und Defi­ni­ti­on.

Ein span­nen­des The­ma.  Wir blei­ben dran.  Sie auch?

-Frank Jer­mann

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¹ Zitat aus: „Fach­werk­bau und Wand­ver­klei­dung“ von Chris­ti­ne H. Bau­er; gefun­den auf den Web­sei­ten des Lan­des­amts für Denk­mal­pfle­ge Hes­sen (alter Link, zuletzt besucht im August 2016; im August 2017 ist er nicht mehr aktiv)