Wettbretter — mehr als nur Holzlatten

Was sind Wett­bret­ter?  Na, da schla­gen wir doch ein­fach bei Wiki­pe­dia nach.  Denks­te!  Die Suche nach „Wett­brett“ führt in der Wis­sens­da­ten­bank zu gera­de mal zwei Fund­stel­len, in denen der Begriff zwar vor­kommt, aber nicht erklärt wird.  Einen sepa­ra­ten Bei­trag zum The­ma gibt es nicht.  Das macht’s kom­pli­ziert — denn wir müs­sen sel­ber hin­schau­en, den­ken, erken­nen, anstatt Vor­ge­kau­tes zu kon­su­mie­ren.  Ver­su­chen wir’s mal.

neue Wettbretter

neue Wett­bret­ter aus dem Jahr 2016

Eine ein­fa­che Erklä­rung haben wir je bereits grund­sätz­lich ver­sucht:  Ein Wett­brett ist ein kei­li­ges Brett, zir­ka 80 cm lang (±20 cm) und hat Nut und Feder.  Es wird als äus­se­re Gebäu­de­ver­klei­dung genutzt und dient als Schutz.  Was ist dar­an kom­pli­ziert?  Ist doch alles klar, oder?

Nun, ich will an die­ser Stel­le ein paar Gedan­ken und Fra­gen auf­wer­fen, die zei­gen wer­den, dass Wett­bret­ter mehr sind als ein paar Holz­lat­ten an der Wand.

Buche?  Geht gar nicht!

gesägte Wettbretter

Frü­her wur­den Wett­bret­ter gespal­ten, heu­te meist gesägt: Die Säge­spu­ren die­ser ver­mut­lich aus­ge­tausch­ten Bret­ter sind gut erkenn­bar.

Hier in der Regi­on war die Buche frü­her weit ver­brei­tet.  Was lag näher, als sie nicht nur als Brenn-, son­dern auch als Bau­holz zu ver­wen­den?  Buche lässt sich gut spal­ten, und so wur­den Wett­bret­ter und Schin­deln gefer­tigt — oft in win­ter­li­cher Heim­ar­beit.

Buchenwald

Buchen­wald zwi­schen Vogels­berg und Rhön

Nun taucht in schö­ner Regel­mäs­sig­keit jemand auf, der behaup­tet, dass Buche im Aus­sen­be­reich gar nicht geht.  Dut­zen­de Mal habe ich das gehört, immer im Brust­ton der Über­zeu­gung.

Glaubt man das, so haben die Men­schen in unse­rer Regi­on nicht nur in Sachen Holz kei­ne Ahnung — sie sind zudem lern­re­sis­tent:  Auch heu­te noch kann man Wett­bret­ter von regio­na­len Her­stel­lern kau­fen und fast immer sind sie aus Buchen­holz.

alte Wettbrettscheune

Eine alte Scheu­ne in der Nähe von Flie­den: Die­se Wett­brett­wand ist grund­sätz­lich noch gut intakt,

Laut Aus­sa­ge man­cher Leu­te von der Exper­ten­bank kann also eine bewit­ter­te Wand aus Buchen­holz nicht funk­tio­nie­ren.  Und doch gibt es Wett­brett­wän­de, die ohne erkenn­ba­re Pfle­ge bereits 80 Jah­re und mehr im Wind ste­hen — und immer noch vor­han­den sind.  Ein­fach so.

Eig­net sich Buche also viel­leicht doch als Wet­ter­schutz?  Lie­gen die Vogels­ber­ger mög­li­cher­wei­se gar nicht so falsch mit ihrer Tra­di­ti­on, Buchen­holz vor ihre Fas­sa­den zu nageln?

Woher der Wind weht …

Nut und Feder?  War­um das?  Wur­de frü­her die Aus­rich­tung der Bret­ter an einer Wand so gewählt, dass die Nut vom Wet­ter weg gesetzt wur­de (was als Schutz der Kon­struk­ti­on gegen Schlag­re­gen gedacht war), so kann man heu­te bei einem der weni­gen Wett­brett­her­stel­ler hören, dass es bei der Aus­rich­tung der Bret­ter eher dar­auf ankommt, ob der aus­füh­ren­de Hand­wer­ker Links- oder Rechts­hän­der ist.  Nanu?

Anordnung von Wettbrettern

Die Anord­nung der Wett­bret­ter hat sich bei die­sem Gebäu­de geän­dert: links die alten, rechts neue­re Bret­ter.

Im rech­ten Bei­spiel­fo­to ist eine Haus­front abge­bil­det, die Nord­ost nach Süd­west ver­läuft.  Wir bli­cken in Rich­tung Süd­west, der Regen kommt also meist von dort (dem Betrach­ter ent­ge­gen).

Fol­ge­rich­tig wur­de der alte Wett­brett­be­reich (im Foto auf der lin­ken Sei­te über dem Scheu­nen­tor erkenn­bar) von rechts nach links mon­tiert (die Feder eines neu­en Bretts wird in die Nut des vor­her­ge­hen­den geklopft).

Die Absicht war, die vor­ste­hen­de Kan­te der Nut nicht in den Wind zu stel­len.  Eine Schlag­re­gen­be­las­tung wür­de bei umge­kehr­ter Aus­rich­tung der Bret­ter in der Regel Was­ser in die Nut drü­cken.  Durch den tra­di­tio­nel­len Ein­bau kann die­ses Pro­blem — zumin­dest bei der vor­herr­schen­den Wind­rich­tung — ver­mie­den wer­den.

Die spä­ter mon­tier­ten Wett­bret­ter (im Foto der rech­te Teil sowie die obe­re Rei­he) wur­den genau anders­her­um befes­tigt.  Der Grund hier­für war aber ver­mut­lich ledig­lich, dass es für den Hand­wer­ker prak­ti­scher war, mit den neu­en Bret­tern an die alten anzu­schlies­sen.  Oder aber er war ein­fach nur Rechts­hän­der?

 „Industriell“ genormt oder wildwüchsig?

gleichmässig breite Wettbretter

Gleich­mäs­sig brei­te Wett­bret­ter gab es frü­her nicht. Hät­te der Autor sich doch vor dem Bau sei­ner ers­ten Wett­brett­wand nur inten­si­ver mit dem The­ma beschäf­tigt!

Frü­her waren Wett­bret­ter wohl so gut wie immer unter­schied­lich breit.  Heu­te gibt es eine Her­stel­lungs­me­tho­de, die jedes Brett in der Brei­te sozu­sa­gen nor­miert.  Das ist pri­ma bei der Pla­nung — aber unnö­tig ste­ril für das Auge.  Der Charme der Wett­brett­wän­de besteht eben auch dar­in, dass sie ein — wie sagt man Neu­deutsch — Eye-Cat­cher sind.  Und das Auge wird mehr gefan­gen, wenn es etwas ent­de­cken kann — gut, dass es auch heu­te noch Her­stel­ler von in der Brei­te unter­schied­li­chen Wett­bret­tern gibt …

Spaltereien

Wur­den Wett­bret­ter frü­her gespal­ten (wenn man den weni­gen Quel­len glau­ben darf), so wer­den sie heu­te gesägt.  Die­se Ände­rung der Her­stel­lungs­me­tho­de hat mit gros­ser Wahr­schein­lich­keit wirt­schaft­li­che Grün­de.

Es ist nach­weis­bar, dass man in Vogels­berg und Rhön frü­her die eben­falls aus Buchen­holz bestehen­den soge­nann­ten Rundschin­deln (das sind die klei­nen) in den har­ten Win­ter­mo­na­ten auf vie­len Höfen selbst her­stell­te.  Noch heu­te gibt es ver­ein­zelt pri­va­te Manu­fak­tu­ren von Schin­deln.  Wur­den Wett­bret­ter eben­so daheim her­ge­stellt, oder war das auf­grund der Grös­se nicht mög­lich?  Dar­über kann ich heu­te kei­ne gesi­cher­ten Infor­ma­tio­nen fin­den.

Wettbretter — ein Kulturgut

Auszug aus der
Zeilitzheimer Erklärung der IgB


Vie­le deut­sche Land­schaf­ten sind in ein­zig­ar­ti­ger Wei­se geprägt von ihren beson­de­ren Land­schafts­bil­dern und ihrer boden­stän­di­gen Bau­kul­tur. Orts­ty­pi­sche Alt­bau­ten in Dör­fern, Gemein­den und Klein­städ­ten des länd­li­chen Rau­mes bewir­ken oft deren Charme und deren Unver­wech­sel­bar­keit.

Das Erschei­nungs­bild spie­gelt das Wir­ken gan­zer Gene­ra­tio­nen wider und stellt deren Arbeits­wei­sen dar; es ver­mit­telt die Kunst­fer­tig­kei­ten über ver­schie­dens­te Bau­for­men und Bau­wei­sen; es prägt Hei­mat und för­dert die Zuge­hö­rig­keit der Bewoh­ner zu ihrem Umfeld.“
(→voll­stän­di­ge Zei­litz­hei­mer Erklä­rung der IgB)

Zu Wett­bret­tern gibt es vie­le Aspek­te, die nicht offen­sicht­lich sind.  Man hat sich bis­her nicht beson­ders mit die­ser Art des Wet­ter­schut­zes aus­ein­an­der­ge­setzt.  Des­halb wer­den wir im Lau­fe des Pro­jekts ver­su­chen, mög­lichst vie­le Aspek­te auf­zu­grei­fen, zu betrach­ten — und Erklä­run­gen zu fin­den.  Das wird kein ein­fa­ches Unter­fan­gen wer­den und wir wer­den Hil­fe benö­ti­gen.

Wett­bret­ter (und Schin­deln) haben unse­re Regi­on geprägt und sie prä­gen sie heu­te immer noch.  Man muss aller­dings immer genau­er hin­schau­en, um sie zu fin­den.  Wett­bret­ter sind eine regio­nal-typi­sche Erschei­nung, über die wir — so wie es heu­te aus­sieht — nicht viel Wis­sen.  Es ist also nicht ganz ver­kehrt, hier­zu etwas zu for­schen.

Die Inter­es­sen­ge­mein­schaft Bau­ern­haus hat sich den Erhalt unse­rer Kul­tur­land­schaf­ten — und somit auch den der typi­schen Bau­sti­le — auf die Fah­nen geschrie­ben.  Wenn wir mit die­sem klei­nen Pro­jekt etwas für den Erhalt und den Bau neu­er Wett­brett­wän­de tun könn­ten, so wäre Eini­ges erreicht.

-Frank Jer­mann